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Nach 11 Monaten und zwei Wochen musste ich in den letzten Tagen mal wieder begreifen, dass ich mich noch kein Stück an das Klima hier gewöhnt habe und es vermutlich auch nicht mehr tun werde. Momentan brüten wir mal wieder in der karibischen Hitze vor uns hin, und nichts scheint ferner als die Vorstellung, dass ich in knapp zwei Wochen wieder ins deutsche Herbstwetter zurückkehren werde.

Obwohl ich mir größte Mühe gebe, den Gedanken an meine baldige Heimkehr zu verdrängen, schwirrt er mir doch bei allem was ich mache irgendwie im Hinterkopf rum und es vergeht kaum ein Tag, an dem wir Freiwilligen nicht darüber sprechen.  Noch ein Monat, 3 Wochen, 14 Tage, 13 Tage, 12 Tage… Der Freiwilligendienst befindet sich auf der Zielgeraden und ich habe das schlimme Gefühl, dass mir die Zeit unaufhaltsam davonrennt. Es ist der Punkt, an dem man gezwungenermaßen damit beginnt, über das nachzudenken, was nach dem Auslandsjahr kommen könnte und feststellt, dass man eigentlich doch lieber noch ein bisschen länger so weiterleben würde, wie bisher. Jeden Tag ins Barrio hochlaufen, mit meinen herzallerliebsten Kindern arbeiten, Leute besuchen gehen, hier und da ein Pläuschen halten,  bei Señora Fermina zu Mittag essen, die Mittagshitze verfluchen, im klimatisierten Büro abhängen, Abende in der coolsten WG verbringen in der malerischen Altstadt mit Freunden den Abend ausklingen lassen und die Nacht willkommen heißen, bis in die frühen Morgenstunden tanzen und die warme Abendluft zu preisen,  ab und zu zum Strand fahren oder einfach nur stundenlang in der Hängematte zu liegen…

Wenn über Auslandsaufenthalte gesprochen wird, werden oft die vielen Herausforderungen, Hindernisse und Schwierigkeiten betont, fast schon, als wäre die Erfahrung zwangsläufig  mit einer enormen Belastung verbunden. Und ja, ich habe sicherlich auch einige schwierige und belastende Momente durchlebt; insgesamt überwiegt jedoch das Gefühl, das ich zum ersten Mal seit vielen Jahren einfach vor mich hinleben kann. Nicht, dass ich es Zuhause irgendwie schwer gehabt hätte, im Gegenteil. Aber dennoch: seit ich richtig denken kann, habe ich insbesondere während der Schulzeit immer auf irgendetwas hingearbeitet. Der nächste Test, das nächste Zeugnis, das Abitur. Ich war in keinem Moment überfordert, aber ich habe mich gerne selbst gefordert, und mich so nicht selten auch selbst unter Druck gesetzt. Hier aber lebe ich mehr oder weniger von einem Tag zum nächsten, habe außer der Arbeit keine Verpflichtungen, bin unabhängig und für nichts und niemanden verantwortlich außer für mich selbst. Hier gibt es keinen Druck – ich versuche meine Arbeit zwar stets so gut wie möglich zu machen, aber selbst wenn es nicht so wäre, täte es nichts zur Sache. Dies ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass ich hier freiwillig und für einen sehr begrenzten Zeitraum bin – andererseits aber auch einfach der Kultur dieses Landes beziehungsweise dieser Region. Mein Chef, der eigentlich Deutscher ist, aber seit über 30 Jahren in Pasacaballos lebt, hat es so ausgedrückt: Es ist eine andere Art von Lebensqualität. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass so eine Behauptung leicht gemacht ist, wenn man finanziell so gut gestellt ist wie mein Chef.  Aber nach fast einem Jahr hier, weiß ich nun, wie er das meint. Der Unterschied liegt in der Mentalität, in der Lebensweise der Menschen, die hier so unbekümmert, spontan und optimistisch ist. Ausnahmen sind die Regel, es wird unheimlich viel improvisiert, aber am Ende klappt doch immer alles irgendwie. Essen und Trinken zu teilen ist so selbstverständlich, dass es sogar eine feste Bezeichnung dafür gibt („el compartir“), und jeder noch so kleine Anlass genügt, um zu auf irgendeine Art und Weise zu feiern (in der Fundación wird mindestens zweimal im Monat ein „compartir“ mit Torte und Cola veranstaltet, weil entweder ein Geburtstag oder ein besonderer Tag ist, wie der Tag der Sekretärin, der Tag der Sozialarbeiterin, der Tag der Krankenschwester, der Tag des Hausmeisters…). Ob Tag oder Nacht, es ist immer Leben auf den Straßen, und man könnte sich vermutlich stundenlang einfach nur auf die Straße setzen und das Treiben beobachten, ohne das es langweilig werden würde. Und egal wen man trifft – alle schwärmen von der Herzlichkeit der Kolumbianer, von der grenzenlosen Freundlichkeit, die einen manchmal so unerwartet trifft, dass man als „kühle Deutsche“  gar nicht richtig weiß, wie man reagieren soll.

Es wird also definitiv kein leichter Abschied von diesem Land und seinen Leuten, die mir beide so ans Herz gewachsen sind, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Dies ist vielleicht mein letzter Blogeintrag in diesem Land, und ich im Nachhinein wünschte ich, ich hätte mehr geschrieben. Der Stoff war da, aber es fehlten oft Zeit und Motivation, um alle Gedankengänge auf Papier zu bringen. Verlasst mich aber jetzt noch nicht: Es wird von Deutschland aus hoffentlich noch den ein oder anderen Nachtrag geben.

Ich schiebe diesen Eintrag nun schon wieder so lange vor mich hin, dass es so gut wie unmöglich ist, von all dem zu berichten, was in dieser Zeit passiert ist. Ich hatte drei wundervolle Urlaubswochen mit meinen Eltern, die mir nicht nur die anderen Teile des Landes noch einmal  näher gebracht haben, sondern mir auch gezeigt haben wie sich meine Sicht auf das Land, die Leute, die Kultur und auf mich selbst seit meiner Ausreise verändert hat. Ich war ein zweites Mal in Bogota, einer der beeindrucktesten Städte, die ich je besucht habe, nicht nur wegen ihrer wahnsinnigen Größe (mit 10 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Südamerikas), sondern aufgrund ihrer kulturellen Vielfalt, die Cartagena völlig in den Schatten stellt (vielleicht mache ich ja irgendwann noch einen Eintrag über die Musikszene Kolumbiens :-D). Ich habe erlebt, wie die kolumbianische Regierung in einem historischen Moment mit der ältesten Guerilla Südamerikas, der FARC, nach 4 Jahren Verhandlung in Kuba Frieden geschlossen hat, und wie (medial mindestens genauso präsent) wochenlang und über eine Broschüre des Bildungsministeriums debattiert wurde, die nicht mehr und nicht weniger als einen offenen und toleranten Umgang mit Homosexualität lehrt.
Zuletzt habe ich mich nochmal intensiv meinem Projekt gewidmet, welches zuletzt Ausmaße angenommen hat, die ich mir nie erträumt hätte. Dank einer überaus großzügigen Spende im letzten Monat sind statt der angesetzten 10 Toiletten ganze 17 (!) Toiletten möglich geworden, von denen viele schon fast fertiggestellt werden konnten. Die Toiletten sind DAS Gesprächsthema im Barrio, und es vergeht kein Tag, an dem mich nicht 3 oder 4 Personen darauf ansprechen .Was übrigens immer haargenau gleich verläuft:

Fremde Person: Nena/ Chica/ Niña, haga me el favor! (Typischer Komm-mal-her Handwink)
Bist du nicht die, die die Toiletten verschenkt?

Ich: Ja, aber momentan gibt es keine Spendengelder mehr, deshalb können wir im Moment keine mehr bauen, tut mir leid…

Fremde Person: Ja, weil weißt du… [Tausend und eins Gründe warum die Person die Toilette am meisten verdient hätte]

Ich: Verstehe…Ich kann nichts versprechen, aber ich schreibe mir mal deinen Namen auf, und falls noch mehr Gelder zusammenkommen, werde ich dich auf jeden Fall in Betracht ziehen.

Fremde Person: Ja bitte, weil [weitere, in beinah vorwurfsvollen Ton vorgetragene Argumente].

Ich: Vielleicht führen die neuen Freiwilligen das Projekt auch weiter, die kommen jetzt bald. Ich gebe die Liste dann weiter

Fremde Person: Ah ja… gut [enttäuschter Blick], dann bis bald, danke.

So kommt es, dass ich mittlerweile bestimmt 15 Leute auf meiner Liste stehen habe  und während die Nachfrage kein Ende zu haben scheint, fällt es mir immer schwerer, die Leute mit leeren Versprechungen vertrösten zu müssen.

Auf der anderen Seite habe ich auch schon mit den ersten 17 Toiletten alle Hände voll zu tun, und tue momentan alles erdenkliche, damit der Großteil noch bis zu meiner Abreise fertig wird. Aber ich bin guter Hoffnung – seitdem Elbert mich regelmäßig bei meinen Besuchen begleitet und den Leuten ein bisschen mehr Druck macht, geht es viel schneller voran als in den ersten Wochen. Elbert hat diese faszinierende Art und Weise mit den Leuten umzugehen: Er kommt als Kumpeltyp, schaltet dann in den professionellen Arbeitsmodus und redet dann auf einer so strengen aber respektvollen Art und Weise auf die Person ein, dass sie gar nicht anders kann, als ihm zuzustimmen und seine Forderungen zu erfüllen. Meine Versuche, das auch so hinzubekommen, sind bis jetzt jedes Mal gescheitert – aber was soll man denn auch sagen, wenn jemand einem sagt, dass er keine 20.000 Pesos (ca. 6 Euro) hat, um den Transport der Materialien zu bezahlen, und du weißt, dass es wahrscheinlich nicht einmal gelogen ist?

Es gibt im Barrio immer noch fast täglich Situation, mit denen ich nicht Recht umzugehen weiß und die mir die verdammt harte Realität dort vor Augen führen. Eine dieser Situation war vor ein paar Wochen, als ich an einem Samstag die Oma eines Kindes aus meiner Schule besucht habe, die ebenfalls eine Toilette gestiftet bekommt. Das Kind wohnt bei seiner Oma, während die Mutter nebenan mit irgendeinem Typen wohnt. Der leibliche Vater des Kindes wurde vor etwa einem halben Jahr ermordet, warum weiß man nicht.
Mein Besuch hatte zwei Gründe: Zum einen wollte ich sehen, wie es mit der Toilette vorangeht, zum anderen wollte ich mich nach dem Jungen erkundigen, der schon wochenlang nicht mehr zur Schule gekommen war. Als ich ankam, war im Haus der Mutter nebenan ein riesiger Streit zugange, dem die Oma von ihrem Patio aus stillschweigend zuhörte. Ich weiß nicht worum es ging, nur, dass die Mutter irgendwann hysterisch anfing: „Du willst mich töten? Dann töte mich! Töte mich“ zu schreien, und die Oma daraufhin ins andere Haus eilte, um eine Eskalation zu verhindern. Nach einiger Zeit kehrte sie, sichtbar mitgenommen, mit dem Jungen zurück, der offenbar den ganzen Streit miterlebt hatte, und fing schließlich an, aus ihrem Leben zu erzählen. Sie selbst ist Desplazada und musste vor ein paar Jahren aus ihrer Heimat fliehen. Als eine der wenigen hellhäutigen Menschen aus dem Barrio wird sie von allen „la mona“ („die Blonde“) genannt, und scheint deutlich älter als 49 Jahre, was ihr tatsächliches Alter ist. Früher hatte sie einen Kühlschrank und konnte Fisch verkaufen, seit dieser jedoch kaputt ist, ist sie arbeitslos und arm, wie sie selbst sagt. Ihre Tochter, die nebenan wohnt, ist 25 Jahre alt, drogensüchtig, prostituiert sich gelegentlich und kümmert sich um ihren ebenfalls drogensüchtigen Freund offenbar mehr als um ihr 5-jähriges Kind, welches den Tod seines Vaters noch immer nicht verarbeitet hat. Nun will die Mutter das Kind aus der Schule nehmen und mit ihm nach Monteria, Cordoba ziehen, was die Oma jedoch wiederum mit aller Kraft zu verhindern versucht.

Und dann sitzt man da, in der kleinen Holzhütte, die nicht mal einen Fußboden hat, wird immer leiser und leiser, fragt sich, wo die Gerechtigkeit auf dieser Welt geblieben ist und verflucht sich selbst, weil die eigenen Probleme so unglaublich lächerlich erscheinen und man doch so hilflos ist.

Aber dennoch: Am Montag darauf war der Junge in der Schule, und als ich die Oma ein paar Tage später noch einmal traf, umarmte sie mich und sagte mir, es ginge bergauf. Zum Dank (wofür auch immer) hat sie mir dann wie jedes Mal noch ein paar Eier von den Hühnern in ihrem Hof geschenkt.

Ich werde jetzt gleich nochmal hoch in Barrio laufen; dort stehen 17 Hausbesuche an, bis heute Abend auch schon die neuen Freiwilligen kommen. Fast beneide ich sie ein wenig darum, dass sie das ganze Jahr noch vor sich haben.

Nos vemos muy pronto en Alemania!

Bis bald,

Carla