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Es geht weiter!

Nach einer langen Phase des Spendensammelns  fehlen jetzt nur noch 95 Euro, bis die Summe für den Bau von 10 Toiletten erreicht ist. Ich bin überwältigt von so viel Interesse und Hilfsbereitschaft und kann euch gar nicht genug  für eure Unterstützung danken!

Es ist mal wieder viel Zeit verstrichen seit meinem letzten Eintrag, und es haben sich einige Änderungen ergeben. Es sind neue Familien hinzugekommen, einige wurden wieder rausgenommen, und bei zweien ist noch immer unklar, ob sie infrage kommen. Dieses hin und her hat verschiedene Ursachen: Schlechte Kommunikation/Planung. Es mag zum Teil auch an mir gelegen haben und ich möchte eigentlich auch keine Klischees verbreiten, aber leider ist dies etwas, das hier auffällig oft vorkommt. In diesem Fall wurde mir erst geraten, die Familien zusammen mit Orleidis, der Frau des Vertreters des Barrios,  zu besuchen und auszuwählen. Gesagt getan. Dann aber ist man zu dem Schluss gekommen, dass man doch besser zunächst den Familien der Kinder aus der Vorschule eine Toilette stiften solle. Also haben wir uns mit den betroffenen Eltern in Verbindung gesetzt. Spätestens als Orleidis dann aber auch noch irgendwelche Leute gefragt hat, habe ich völlig den Überblick verloren, wer denn jetzt überhaupt noch dabei war, und nach welchen Kriterien wir überhaupt folgen.

Aber dennoch, und auch das ist mehr als typisch für Kolumbien, hat sich trotz all der Verwirrung später wieder alles gefügt, sodass am Ende wundersamer Weise genau 10 Familien auf meiner Liste standen.  Diese 10 Begünstigten haben Elbert, unser Sozialarbeiter  und ich letzte Woche zu einer kleinen Versammlung eingeladen, zu der auch fast alle gekommen sind, wenn auch mit mehr als einer Stunde Verspätung. Anwesend waren außerdem Orleidis und  Josefa, die neue Vertreterin des Barrios, die das Amt ab August übernehmen wird. Das Treffen war mir ein wichtiges Anliegen, um von vornherein klar zustellen, was unsere Erwartungen sind, und welche Verpflichtungen mit der Teilnahme am Projekt verbunden sind.  Wir als Stiftung stellen zwar die Materialien zu Verfügung, für den Rest, das heißt den Transport der Materialien sowie den Bau der Toilette, sind jedoch die Familien selbst zuständig. Die Idee dahinter ist, dass das die Eigenleistung der Familien in den Vordergrund gerückt wird, damit sie selbst die Verantwortung übernehmen und ihren Willen zur Verbesserung ihrer Situation unter Beweis stellen. Außerdem soll so auch verhindert werden, dass die Materialien weiterverkauft werden, denn auch das ist in der Vergangenheit vorgekommen. 
Gott sei Dank hat Elbert (im Gegensatz zu mir) ein wahres Talent zum Reden, und weiß ganz genau, die Dinge klar und deutlich beim Namen zu nennen, ohne dabei unfreundlich zu wirken. So ist meinen Eindruck nach ziemlich deutlich geworden, wieso das Projekt wichtig ist, was wir erwarten, und wie das Projekt weiter läuft. Zum Schluss mussten noch ein Formular ausgefüllt werden, auf dem sich der Begünstigte mit den vereinbarten Punkten einverstanden erklärt.

Und das war dann sozusagen auch schon der Startschuss! Begonnen wird mit dem Ausheben einer 1,70m x 1,70m x 2m tiefen Grube, die dann im zweiten Schritt ausgemauert und mit einer Betonplatte verschlossen wird.  Zuletzt werden dann noch verschiedene Rohre sowie die Kloschüssel installiert. Aber bis dahin braucht es wohl noch ein bisschen.
Wie die Familien bisher vorangekommen sind, ist sehr unterschiedlich. Bei jeder Familie sind die Bedingungen anders: Einige haben es leichter, weil sie auf männliche Unterstützung beim Bau zählen können oder wirtschaftlich so gut gestellt sind, dass sie jemanden dafür bezahlen können; andere, die weder das eine noch das andere besitzen, haben es dagegen deutlich schwerer. Hinzu kommen äußere Faktoren, die das ganze erschweren, wie die Bodenbeschaffenheit oder das Wetter. Es regnet hier zwar extrem selten, aber ein starker Regen genügt, um das ganze Barrio in einen einzigen Sumpf zu verwandeln.  Viele der Gruben sind letzte Woche voll Wasser gelaufen, außerdem war der Boden ein paar Tage lang so lehmig, das weiter graben fast unmöglich war. Dennoch sind bis heute 5 Familien mit dem ausheben der Grube fertig geworden, weitere drei haben begonnen, jedoch noch nicht die nötige Tiefe erreicht, und bei den letzten beiden konnte leider noch nicht begonnen werden. Insgesamt bin ich mit dieser Bilanz vorerst eigentlich ganz zufrieden, auch wenn auch hier, was Absprachen betrifft, noch einiges verbessert werden kann. Das erste Mal, dass ich mich geärgert habe, war bei einer Dame namens Petrona, die mit ihren sieben Kindern und ihrem kranken Ehemann in der hintersten Ecke des Barrios lebt. Nach der Versammlung vor zwei Wochen kam sie zu mir und Elbert und hat uns ihre schwierige Situation geschildert; dass ihr Mann so schwach sei, dass er kaum laufen könnte, dass sie keine Familie in Pasacaballos hat und auch keine Freunde oder Nachbarn, die sie beim Bau unterstützen könnten. Daraufhin haben wir gesagt, dass wir sie in diesem Fall unterstützen, und haben Lukas und Lorenz hingeschickt, um die Grube auszuheben. Nach einer Stunde dieser schweißtreibenden Drecksarbeit (im wahrsten Sinne des Wortes) hatten sich bereits 3 junge Männer um die Grube versammelt, die die Arbeit begutachteten und Petrona offensichtlich sehr nahe standen. Auf Nachfrage meinerseits stellte sich heraus, dass einer der drei ihr Bruder, und ein anderer ihr ältester Sohn (19 Jahre) war, was mich doch sehr überrascht hat, wo sie uns doch vorher erzählt hatte, dass sie hier keine Familie und überhaupt niemanden hätte, der sie unterstützen könne. Auf erneuter Nachfrage meinerseits, was denn mit den beiden wäre, und warum sie denn nicht helfen könnten, sind die beiden gleich losgezogen, um mehr Werkzeug zu holen, und dann auch tatkräftig mit anzupacken. Letzten endlich schien es fast so, als wäre ihnen das Ganze selbst ziemlich unangenehm gewesen, ich war aber vor allem sauer auf Petrona, die uns, aus welchen Gründen auch immer,  ganz offensichtlich angelogen hatte. Ich habe sie nicht nochmal darauf angesprochen – nachdem wir gegangen sind war jedoch klar, dass sie die Arbeit von nun an selber erledigen müssten.

Insgesamt habe ich vor allem viele gute Erfahrungen gemacht,viele  interessante Gespräche geführt, und, was mir von Anfang an sehr wichtig war: einen viel tieferen Einblick in das Leben dieser Leute bekommen. Ich habe auch den Eindruck, dass ich den Leuten nun weniger fremd bin, viele Grüßen mich nun,  sprechen mich an, und fragen mich Dinge. Eine Frau schenkt mir jedes Mal, wenn ich bei ihr vorbei komme, frische Eier von den Hühnern, die sie sich in ihrem Patio hält, und es sind kleine Gesten wie diese, die mir zeigen, dass die Leute dankbar und ich willkommen bin.  

Heute kommen meine Eltern und meine Schwester, und ich kann es kaum erwarten, sie später am Flughafen in Empfang zu nehmen! Wir werden zwei Wochen lang zusammen durch Kolumbien reisen, und ich bin schon sehr, sehr gespannt, wie ihr Eindruck von diesem Land sein wird. 
Das Projekt läuft währenddessen natürlich trotzdem weiter, und ich nehme auch übrigens immer  noch sehr gerne Spenden entgegen! Allein gestern haben mich sicherlich 5 Leute angesprochen, wie viele Toiletten denn noch gebaut werden würden, und ob ich sie nicht bei der Auswahl berücksichtigen könne, und es tut mir jedes Mal weh sagen zu müssen, dass ich leider kein Geld habe, um mehr als 10 Toiletten zu bauen. Ich versuche dann natürlich auch immer zu erklären, dass das Projekt rein durch Spenden finanziert wird, aber viele Leute haben halt einfach keine Vorstellung von den Kosten bzw. den Relationen.

Ich melde mich wieder nach meinem Urlaub und sende euch bis dahin viele sonnige Grüße!

Carla